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Biowissen vom 13.04.2016
 

Thema des Monats: Lebensmittelwertschätzung

Warum so viel weggeworfen wird und was wir dagegen tun können

Jedes 8. Lebensmittel, das wir kaufen, werfen wir weg, das sind durchschnittlich 82 kg Lebensmittelabfälle pro Kopf und Jahr im Wert von rund 235 Euro! Ganz oben auf der Liste stehen Obst und Gemüse und Backwaren.

Für den Anbau von Obst, Gemüse und Futtergetreide wird sehr viel Wasser, Dünger, Energie und wertvolle Ackerfläche benötigt. Der Einsatz von Arbeit und Ressourcen ist im wahrsten Sinne des Wortes für die Tonne, wenn die Lebensmittel bei uns in Privathaushalten ungewürdigt in den Abfall wandern. Damit werden aber nicht nur Mülldeponien belastet, sondern auch Ressourcen in hohem Grad verschwendet.

Außerdem entstehen um die 30 Prozent der weltweiten Treibhausgase im Zusammenhang mit unserer Nahrungserzeugung. Wenn Essbares weggeworfen wird, ist die durch Treibhausgase erzeugte Umweltschädigung völlig unnötig passiert. Wenn also reduzierte Entsorgung von Lebensmitteln zu kleineren Einkäufen führt, kann auch an der Erzeugung und am Transport von Waren gespart und somit Emissionen verringert werden.

Weiterhin ist aus ethischer Sicht falsch, Essen gedankenlos wegzuschmeißen. Weltweit hungern ca. eine Milliarde Menschen. Natürlich machen Lebensmittel, die wir in Deutschland nicht wegwerfen, keinen Menschen auf der anderen Seite des Globus' satt - der Zusammenhang ist wesentlich komplexer. Umso mehr wir hierzulande wegwerfen, umso höher treiben wir die Nachfrage und damit die Preise, die viele Menschen in Entwicklungsländern irgendwann nicht mehr zahlen können, was das Hungerproblem noch verschlimmert.

Insbesondere der weltweit steigende Fleischkonsum belastet Mensch, Tier und Umwelt. Dadurch, dass auf inzwischen 2/3 der globalen Anbaufläche Futtergetreide angebaut wird, ist das Areal für Lebensmittel, die unmittelbar verzehrt werden können, sehr klein geworden. Große Konzerne, die Futtermittel erzeugen, zahlen außerdem wesentliche höhere Landpreise, als es Kleinbauern können, weshalb immer Fläche den großen Akteuren zufällt. Hochleistungsanbau mit viel Dünger und Pestiziden schädigt vielerorts die Böden und umliegende Gewässer nachhaltig. Diese Entwicklung wird hauptsächlich dadurch verursacht, damit wir hier in Deutschland möglichst günstiges Fleisch kaufen können, wovon dann ein bedeutender Teil in der Tonne landet.

Muss das wirklich sein? Ist es denn so schwierig, etwas zu ändern, weil wir dafür all unsere Gewohnheiten umkrempeln müssten?

Tatsächlich ist es gar nicht so schwierig! Geschätzt könnten zwei Drittel, also ungefähr 53 kg Lebensmittelabfälle vermieden werden. Aber wie? Wo liegen die Hauptursachen für diese enorme Verschwendung von kostbaren Ressourcen und wo kann jeder Einzelne eingreifen und dazu beitragen, mehr Lebensmittel vor der Tonne zu retten?

Mit einem etwas bewussterem Konsumverhalten und wieder mehr Vertrauen in die eigenen Sinne, kann schon ein entscheidender Beitrag geleistet werden.
Ein großes Problem ist das allseits bekannte MHD - das Mindesthaltbarkeitsdatum. Inzwischen viel kritisiert, hat es doch nach wie vor große Bedeutung bei den meisten Menschen. Ist es überschritten, landen die Produkte im Abfall.

Dabei ist es bei näherem Nachdenken völlig unsinnig, dass Lebensmittel von einem auf den andern Tag plötzlich ungenießbar werden. Und richtig! Denn tatsächlich kennzeichnet das MHD bloß, bis wann ein Produkt garantiert die ursprünglichen Eigenschaften zu 100 Prozent unverändert behält. So kann es beispielsweise sein, dass sich bei Milchprodukten nach einer Zeit, die Molke etwas ablagert. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass das Produkt nicht mehr gut oder gar gesundheitsschädlich ist. Mit Schütteln oder Umrühren nimmt das Produkt umgehend wieder sein gewohntes Aussehen an und ist unverändert in Qualität und Geschmack.

Bei Produkten wie Hackfleisch, die tatsächlich sehr schnell schlecht werden, gibt es daher auch kein MHD sondern ein Verbrauchsdatum, welches man nicht leichtfertig ignorieren sollte.

Überwiegend gilt aber, die eigenen Sinne zu benutzen. Gucken, riechen und im Zweifelsfall ein klein wenig probieren, schafft Gewissheit, ob ein Lebensmittel noch genießbar ist oder nicht.

Zusätzlich können einfache Maßnahmen dabei helfen, einen Großteil unserer zuhause anfallenden Lebensmittelabfälle zu vermeiden - vorm Einkauf in den Kühlschrank und die Schränke gucken; Einkaufslisten schreiben; vorausplanen, was man wann kochen möchte und wann man gar nicht zuhause is(s)t und Restetage einführen, an denen man Übergebliebenes verarbeitet. Außerdem muss man nicht die ganze Zucchini zu entsorgen, wenn eigentlich nur ein Ende matschig ist. Es genügt, die betroffene Stelle großzügig wegzuschneiden.

Wer zusätzlich ein Auge auf regionale Herkunft und das saisonale Angebot hat, schont nicht nur die Umwelt, sondern auch seinen Geldbeutel.

In Hamburg werden bereits verschiedene innovative Geschäftsmodelle umgesetzt, die auf unterschiedliche Weise Lebensmittel wertschätzen.

Sollte mal doch der Urlaub vor der Tür stehen, der Kühlschrank aber noch voll sein, gibt es die tolle Initiative foodsharing. foodsharing.de ist eine Internet-Plattform, die Privatpersonen aber auch Händlern und Produzenten die Möglichkeit gibt, überschüssige Lebensmittel kostenlos anzubieten oder abzuholen. Auf diese Weise gesammelte Lebensmittel werden in als Fair-Teiler bezeichneten Kühlschränken gelagert, die freizugänglich an verschiedenen Orten aufgestellt sind. In Hamburg können beispielsweise an der HAW (Alexanderstraße), in der Kontrabar, an der Uni Hamburg (Asta Info-Café), in Wilhelmsburg, sowie beim mobilen Fair-Teiler in Mundsburg (sonntags 14:30-15 Uhr, und Dienstag abends Paul-Sudeck-Haus nahe Borgweg) und auf dem Umsonst-Markt (immer mittwochs in Niendorf) gerettete Lebensmittel abgeholt werden. Mehr Standorte und auch Informationen zu den aktuell in den Fair-Teilern vorhandenen Lebensmitteln findet man auf einer
interaktiven Karte von foodsharing.de.

Während immer davon die Rede ist, dass der Konsument frei zwischen verschiedenen Produkten wählen kann, ist dies bei genauerer Betrachtung oft nicht der Fall. So war es bis vor kurzem unmöglich Brot vom Vortag zu kaufen. Das hat sich für uns Hamburger jetzt geändert. Aus einer Kooperation zwischen der Bäckerei Junge und dem Hamburger Straßen Magazin Hinz&Kunzt ist im März 2016 die erste BrotRetter Filiale entstanden. Hier werden nicht verkaufte Brote aus den Geschäften der Bäckerei Junge am folgenden Tag für einen günstigeren Preis verkauft. Das Brot ist zwar nicht mehr ofenwarm, hat aber weiterhin seine Qualitäten. Und wer bei den BrotRettern einkauft, rettet nicht nur Brot vor der Tonne, sondern sichert zusätzlich ehemals Obdachlosen einen festen Arbeitsplatz.

Auch fertig verpackte Lebensmittel lassen keine Wahl ob wir beispielsweise 250 oder 500 Gramm kaufen möchten. Oft ist die Packung mit mehr Inhalt im Verhältnis günstiger und so wird häufig zu viel eingekauft und es bleiben Reste übrig die früher oder später in den Müll wandern. In vielen Städten gibt es daher bereits Geschäfte, die Produkte unverpackt verkaufen. In Hamburg ist dieser Trend noch nicht ganz angekommen, es gibt aber auch hier ein paar Möglichkeiten Produkte ohne Verpackung zu erhalten. Wer Lust hat selber zu bestimmen wie viel eingekauft wird, sollte einen Blick in den veganen Laden Twelve Monkeys, im Stadtteil St. Pauli, werfen. Dort gibt es verschiedene Produkte zum selber abfüllen, was zudem den Vorteil hat, dass kein Verpackungsmüll anfällt und somit die Umwelt geschont wird.

Es gibt also inzwischen viele Möglichkeiten, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. In Kürze: Weniger Lebensmittelverschwendung bedeutet mehr Positives für unsere Umwelt und Mitmenschen, mehr Bewusstsein und Respekt für die Wertschöpfungsketten unserer Nahrungsmittel und letztendlich mehr Geld in unseren Portemonnaies am Ende des Monats. All diese Aspekte führen zu dem altklugen doch nach wie vor beständigen Fazit: Weniger ist Mehr!

Bild: Schnappschuss / pixelio.de